Fuck the Spammers!

Nein, danke, ich brauche weder Chanel-Fetzen, ManchesterCity-Leiberln oder RayBan-Brillen und schon gar kein Viagra aus dem Internet…. Da die SPAM-Attacken auf meinen Blog aber unerträglich geworden sind (zuletzt ca. 800 in 24 Stunden, Tendenz steigend) sehe ich mich vorübergehend gezwungen, die Kommentar-Möglichkeit still zu legen. Wer mir persönlich etwas mitteilen will, findet mich aber sicher!

Liebe Grüße allen Nicht-Spammern! Die anderen aber können mich….

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Die Hymnen nieder!

 

 

Dreizehnmal Vaterland, einmal Mutterland, achtmal Heimat oder Heimaterde, zweimal Nation, siebenmal Volk – die Wortwahl in den Nationalhymnen der EU zeigt, wie nahe die Länder Europas einander sind. Lästig dabei nur: Die Sänger meinen immer das eigene –  Vaterland oder was immer. Und keineswegs die 26 anderen (außer in Zypern, dort haben sie 1966 die griechische Hymne zur eigenen erklärt. War auch nicht direkt hilfreich beim Aufbau einer gemeinsamen zyprischen Identität).

Hymnen: Staatssymbole, Hintergrundgeräusch bei Politikervisiten, Gegröhle in Stadien, früher auch Signal zum Sendeschluss im Fernsehen, als es noch nicht rund um die Uhr Wiederholungen gab – waren das Zeiten! Hymnen: Ausdruck des Wir-Gefühls von Nationen, akustische Leckerlis für Patrioten und Patriotinnen, Zeichen von Geschichtsbewusstsein und Traditionspflege? Eben. In den 26 Hymnen der  EU-Länder geht es zwölfmal um Krieger/Feinde/Kämpfer, siebzehnmal um Ruhm/Ehre/Blut/Tod/Grab, siebenmal wird zu Waffe oder Schwert gerufen.  Kein Wunder, dass in elf Hymnen Brüder und Söhne angesprochen werden und nur in vier Schwestern und Töchter – Martialismus ist eben maskulin.

Rechtfertigt die Berufung auf die Geschichte alles? Auch den Aufruf zum Blutbad?

„Zu den Waffen, Bürger! Schließt die Reihen, Vorwärts, marschieren wir! Das unreine Blut tränke unserer Äcker Furchen!“  - der Refrain der Marseillaise. „Lasst uns die Reihen schließen! Wir sind bereit zum Tod, wir sind bereit zum Tod. Italien hat gerufen!“ – der Refrain der Fratelli d’Italia, direkt defensiv dagegen. Hat irgendjemand untersucht, wie sich dieses Kriegsgeschrei auf Fußballerhirne auswirken kann? Ist jetzt endlich geklärt, worauf die historische Skandalszene zwischen Zinédine Zidane und Marco Materazzi im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zurückzuführen war? Nach dem Hymnengebrüll zuvor? Dabei hat Z. nicht einmal das „unreine Blut“ des M. vergossen, sondern ihm nur den Kopf in die Brust gerammt.

Nicht alle Hymnen sind blutrünstig, zugegeben. Die Basis der slowenischen Hymne ist ein Gedicht von France Preseren mit dem schönen Titel  „Zdravljica“ (zu deutsch: Trinkspruch bzw. „Prost“). „Freunde, die Rebe hat nun wieder den süßen Labetrunk beschert, der unsere Pulse hebet, der Herzen uns und Augen klärt…“ Zwar geht’s auch hier nicht ganz ohne Feinde, die „Blitze treffen“ mögen „aus hoher Wolkenbahn“. Doch der Rest ist herrlich versöhnlich. Und Landeshymne ist nur die siebente Strophe: „Es leben alle Völker, die sehnend warten auf den Tag, dass unter dieser Sonne die Welt dem alten Streit entsag! Frei sei dann jedermann, nicht Feind, nur Nachbar mehr fortan!“ Die Nachbarn im Norden singen in ihrer Landeshymne noch immer „wo man mit Blut die Grenze schrieb“ – Kärnten eben.

In Dänemark besingen sie die Schönheit des Landes: „Oh ja, das Land ist schön! So blau die See der Belte,  das Laub es grünt hier grün. Und schöne Mütter, edle Frauen, Männer und gescheite Knaben bewohnen die dänischen Inseln, bewohnen die dänischen Inseln.“ Ein beneidenswert friedlich gestimmtes Volk, das sich noch dazu in seiner Hymne auch zur Arbeit bekennt, wie nur ganz wenige andere…? Ja,  schon. Aber was eine ordentliche Monarchie ist, hat zumindest eine zweite offizielle Hymne, die Königshymne: „König Christian stand am hohen Mast, in Rauch und Dampf; Sein Schwert hämmerte so fest, dass Helm und Hirn des Goten barst. Da versanken alle feindlichen Achterdecks und Masten in Rauch und Dampf. ‚Fliehe‘, schrien sie, ‚fliehe, wer fliehen kann! Wer besteht gegen Dänemarks Christian, wer besteht gegen Dänemarks Christian im Kampf?‘So lässt sich doch eher Ländermatchstimmung aufbauen.

Die Königshymne um Christian (und andere gekrönte Gewalttäter) stammt aus dem 18. Jahrhundert und bezieht sich auf eine Seeschlacht während des Dreißigjährigen Krieges, in der eine dänische Flotte eine schwedische im Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee besiegte – so viel zu den „Goten“. Gibt es irgendeinen Grund, im 21. Jahrhundert Kriegshandlungen des 17. (oder 18. oder 4. oder 9.) Jahrhunderts hymnisch zu verklären und als nationalidentitätsstiftend zu besingen? Geschichtsbewusstsein schön und gut, aber Reflexion und Distanz sollten da nicht unbedingt schädlich sein. Nur dumm, dass  staatliche Symbole im Allgemeinen eher nicht Gegenstand ebendieser reflektierenden Distanz sind. Im Gegenteil – die kritische Auseinandersetzung mit ihnen wird als „Verunglimpfung“ oder „Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole“ in etlichen Staaten unter Strafe gestellt, etwa auch in Österreich:

„Wer in … gehässiger Weise eine aus einem öffentlichen Anlass oder bei einer allgemein zugänglichen Veranstaltung gezeigte Fahne der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer, ein von einer österreichischen Behörde angebrachtes Hoheitszeichen, die Bundeshymne oder eine Landeshymne beschimpft, verächtlich macht oder sonst herabwürdigt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.[

Bundesgesetz vom 23. Jänner 1974 über die mit gerichtlicher Strafe bedrohten Handlungen (Strafgesetzbuch – StGB) StF: BGBl. Nr. 60/1974

Wer also lauten Zweifel anmeldet, dass wir angesichts des „zu Mantua in Banden“ schmachtenden Andreas Hofer „Gott sei mit euch, mit dem verrat’nen deutschen Reich, Und mit dem Land Tirol“ singen sollen,  macht sich strafbar. Wie wohl auch jemand, der pointiert ein anderes Verständnis vom Verhältnis zwischen BürgerIn und Staat vertritt, als es in der oberösterreichischen Landeshymne besungen wird…:“Hoamatland, Hoamatland, di han i so gern wiar a Kinderl sein Muader, a Hündal sein Herrn“.

Okay, ob die Hymne einer österreichischen Provinzentität historisch oder sonst wie peinlich ist, kratzt den Rest der Welt nicht besonders. Fragwürdig wird es allerdings, wenn ein politisch extrem belasteter Text mit einer Hymne verbunden ist. „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt….“ Wer behauptet da, das sei die deutsche Bundeshymne? Die war  das Deutschlandlied wohl in der Weimarer Republik und seine erste Strophe (zusammen mit dem Horst Wessel-Lied) unter den Nazis. 1952 wurde festgelegt, dass das Lied die Hymne der Bundesrepublik bleibt, aber bei offiziellen Anlässen nur die 3. Strophe gesungen wird. Seit 1991 ist nur mehr die dritte Strophe die deutsche Hymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“  Und wer sich bei jeder Siegerehrung für Sebastian Vettel noch immer wundert, dass da schon wieder Deutschland, Deutschland über alles gesungen wird, hat in Zeitgeschichte nicht aufgepasst. Oder könnte der Umgang des offiziellen Deutschland mit seiner Hymne dem gerade in Politikkreisen beliebten Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ gefolgt sein?  Ganz abgesehen davon, dass sie uns Österreicherinnen und Österreichern die alte Kaiserhymne gestohlen haben. Aber darüber sollen sich die verbliebenen Monarchistinnen und Monarchisten aufregen – oder schauen die extra Formel 1-Rennen, um wieder einmal ihr „Gott erhalte, Gott beschütze“ mitsingen zu können?

Angesichts des Hymnen innewohnenden Hangs zur Kanonisierung historischer Grausigkeiten, nationaler Überlegenheitsattitüden oder einfach Dummheiten ist die Frage zu stellen: Brauchen wir derartige Hymnen überhaupt?

Spanien ist da einen interessanten Weg gegangen: Die Nationalhymne aus dem 18. Jahrhundert ist zwar eine der ältesten Europas, aber sie hat keinen Text. La Marcha Real, der Königsmarsch, ist nur in der Instrumentalfassung Landeshymne. Historisch gab es unter diversen Machthabern bis inklusive Franco verschiedene Texte dazu, aber keiner wurde offiziell zur Hymne. Auf Wunsch des Nationalen Olympischen Komitees wurde 2008 ein Wettbewerb ausgeschrieben, damit auch die spanischen Fußballer künftig was zum Mitsingen haben, doch der Gewinnertext wurde in der spanischen Öffentlichkeit abgelehnt. Und so singen die Kicker noch immer nicht, gewinnen aber trotzdem.

Wäre es nicht ein schönes Zeichen dafür, dass man auch ohne nationalistische Wallungen Sport betreiben kann, wenn künftig vor den Spielen auf das Abspielen der Hymnen verzichtet würde? Oder, wenn man schon dem Drang der Sportreporter zum Pathos Konzessionen machen muss, in Europa  die Europahymne spielte? Die hat nämlich auch ganz bewusst keinen Text, sondern existiert nur in einer Karajanschen Fassung des Hauptthemas „An die Freude“ aus der 9. Beethoven. Und jedem bleibt es selbst überlassen, ob er oder sie dazu singt: „Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium…“ Oder, was genauso gut passt: „Und der Haifisch der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht…“ Oder einfach, wie der große Wiener Schauspieler Kurt Sowinetz in den Siebzigerjahren: „Alle Menschen san ma zwider, i mecht’s in die Goschen haun…“

Schafft die Hymnen ab!

 

Anm.: Alle Textfassungen und Übersetzungen aus http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nationalhymnen

 

Ernest Hauer, 2.3.2013

 

(Aus: Lojze Wieser (Hg.): Demokratische Einigung Europas – Das Hoffen wagen. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2013)

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megaphon 2010

6 Gastkommentare für  das  Grazer Straßenmagazin als Solidar-Geschenk 

Von den Medien und der Empörung

Das wird mein erster Meinungskommentar seit mehr als einem  Vierteljahrhundert. So lang habe ich für die Radio-Information des  öffentlich-rechtlichen Rundfunks gearbeitet. Und dort hat Meinung nichts  verloren. Dort bemüht man sich um Ausgewogenheit, um Äquidistanz, um Gleichbehandlung aller zu Behandelnden. Immer und überall gilt die Unschuldsvermutung. Zumindest tun wir so.

Und so bleibt der öffentlich-rechtliche Redakteur / die ö.-r. Redakteurin völlig cool und sachlich, wenn Politiker X (Monatsgehalt 16.000 Euro plus) erklärt, die Mindestsicherung dürfe nicht 14 mal, sondern nur 12 mal im Jahr ausbezahlt werden.  Sonst wäre  die „ soziale Hängematte“ allzu verlockend. „Zynisches  Arschloch“ denkt sich der Redakteur, sagt es aber nicht.

Äußerlich cool und sachlich bleibt er/sie auch, wenn Politikerin Y  Familienzusammenführung per Schubhaft propagiert, wenn Klubobmann Z doziert,
warum man Minister unmöglich in Untersuchungsausschüssen auftreten lassen kann,
wenn sich heterosexuelle Politiker anmaßen, homosexuellen Menschen Zeremonien
der Partnerschaft zu verbieten, und, und, und… Auch wenn er/sie das alles zum
Kotzen findet.

Und das gilt nicht nur für PolitikerInnen und sonstige bedeutende  Persönlichkeiten.  Als Journalist fühlt man sich schließlich auch für die eigene Branche mitverantwortlich. Und es fällt verdammt schwer zu schweigen, wenn gestrige Zeitungsherausgeber in der Selbstherrlichkeit ihres Altersstarrsinns die Spitzenpositionen des Staates nach ihrem Gutdünken vergeben wollen, wenn subventionsgeile Herausgeber ihr Billigblatt mit der Republik verwechseln, wenn Paparazzi Verbrechensopfern das  Leben zur Hölle machen. Aufschreien möchte man mit Erich Kästner: „Nie dürft  Ihr so tief sinken, den Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.”

Was wäre die Lösung? Eine Aktion à la Beate Klarsfeld, die 1968 einen  deutschen Bundeskanzler mit Nazi-Vergangenheit öffentlich ohrfeigte? (Kurt-Georg Kiesinger hieß der übrigens, aber will das schon noch wissen?) Muss schon unglaublich befreiend sein, könnte ich mir vorstellen… Stopp. Gewalt ist keine Lösung. Verbale Gewalt meistens auch nicht.

Eine Grundregel des Journalismus ist: nicht der Journalist soll sich  über Empörendes empören, sondern der Leser. Nicht die Berichterstatterin soll  sich über Aufregendes aufregen, sondern die Leserin. Und Voraussetzung dafür  ist, dass die Fakten klar erkennbar sind. Und das heißt wieder, dass  insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk BerichterstatterIn seine/ihre Meinung zurücknehmen muss, damit HörerIn, SeherIn sich seine/ihre bilden kann.  Das heißt natürlich nicht, dass Radio-Menschen ihre Meinung an der  Funkhaus-Garderobe abgeben. Nur auf Sendung bringen sie sie nicht. Und wenn es  der Aufklärung dient, kann man sich schon zurücknehmen. Soll nur niemand  glauben, die beim Radio hätten kein Herz oder wenn, dann wäre es ihnen in die  Hose gefallen.

Muss wahrscheinlich alles so sein. Aber trotzdem tut es nach einem
Vierteljahrhundert Coolness und Sachlichkeit gut, wenn man sagen kann, was man
zum Kotzen findet. Laut. Am besten per MEGAPHON…

(Megaphon Jänner 2010)

 

Frage, was du für das Land tun kannst….

Es gibt Sätze, die lassen einen nicht los. „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst!“ John F. Kennedy war meinem Geschichtelehrer zwar  als Liberaler und Weiberheld verdächtig, aber der Satz hat ihm getaugt, den hat er uns um die Ohren gehaut. Fast so enthusiastisch wie vorher den alten Horaz: „Dulce et decorum est pro patria mori – Süß ist es und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben“. Deshalb haben wir ja auch das Eisenbahnnetz der damaligen Sowjetunion auswendig lernen müssen – man weiß ja nie, wozu man es noch einmal braucht im Leben…

Das Pathos des alten Römers konnte mich nicht verführen – ich war zu nah an jener Generation, in der zu viele fürs Vaterland (und für Volk und Führer natürlich) gestorben sind, ohne es meines Wissens als süß zu empfinden. Der junge Polit-Popstar Kennedy
aber – vielleicht war an dem ja doch was dran? Klingt doch herrlich idealistisch, oder?

In Wahrheit war Kennedy näher an Horaz, als uns damals bewusst war, und sterben ließ er im Vietnamkrieg auch ordentlich. Aber das ist nicht einmal der Punkt. Fast fünfzig Jahre nach Kennedys Antrittsrede erleben wir, wie sein legitimer Nachfolger als
Polit-Popstar allergrößte Schwierigkeiten hat, mehr als dreißig Millionen
US-AmerikanerInnen auch nur eine medizinische Basisversorgung zu ermöglichen.
So was wie staatliche Krankenversicherung scheitert ohnehin am Widerstand der
Konservativen bei Republikanern wie auch Demokraten.

Das Misstrauen gegenüber allem, was staatlich ist, die Ablehnung all dessen, ist eine der prägenden Strömungen der US-Gesellschaft. Das hat schon seine historischen Wurzeln in der Geschichte der Ex-Kolonie, im Mythos von den Gründervätern, die vom britischen
Staat hinausgeworfen wurden. Absurd sind die Ergebnisse aus europäischer Sicht
trotzdem.

Umso absurder aber ist es, wenn jetzt –weil ja bekanntlich alles, was aus Amerika kommt, toll ist – diese Ideologie als beispielgebend auch für uns hingestellt wird. Politiker,  Unternehmervertreter, Leitartikler beschwören angesichts der Krise und ihrer
Folgen die Leute „Frage nicht, was der Staat…“ War das die Frage, die den
krachenden Banken gestellt wurde? Nein, da war es ja klar, dass die Frage
umgedreht werden musste.

Wenn es um Sozialleistungen geht, um sinnvolle Maßnahmen, damit in unserem Schulsystem alle Kinder die Chance haben, mitzukommen, um eine ordentliche Pension für Menschen, die ihre Leben lang schwer gearbeitet haben: da sollen wir wieder
nicht fragen, was das Land… Sondern uns vielleicht per „Transferkonto“ noch
vorrechnen lassen, was das Land für uns alles tut. Um unser Steuergeld
übrigens.

Ich bin fürs Gegenteil. Fragen wir ruhig, was der Staat für uns tun kann: bei einer sozialen Grundsicherung, die den Namen auch wert ist; bei den Bildungschancen für alle, wie sie die Studenten zu recht einfordern; bei einer Infrastruktur, die für alle da ist.
Wahrscheinlich sind die Forderungen das beste, was wir für das Land tun können.

(Megaphon Februar 2010)

 

Vom drohenden Mindestsicherungsmissbrauch

Radiohören bildet – eine nicht eben überraschende
Feststellung für einen Menschen mit meiner beruflichen Vergangenheit. Und trotzdem: wenn man nach ein paar Wochen im Ausland ins Sendegebiet von Österreich 1 zurückkehrt, hat man seine diesbezüglichen Aha-Erlebnisse. Oder sind das doch eher Öha!-Erlebnisse?

Ein Mittagsjournal im März. Die Regierung hat sich endlich dazu durchgerungen, die erbärmlich niedrige Mindestsicherung von 12 mal 744 Euro zu beschließen. Im Gegenzug bekommt der Finanzminister sein Transfer-Konto, das jetzt nicht mehr so heißt, sondern „Transparenzdatenbank“. Und jetzt erklärt mir ein aus der Steiermark stammender ÖVP-Generalsekretär, wofür das ganze gut ist: weil ja in Deutschland geschätzt wird, dass „rund zwanzig Prozent der Hartz IV-Empfänger das System missbrauchen“, müsse man in
Österreich auch mit Schlimmem rechnen. Umgelegt auf die hiesige Mindestsicherung würde das gleich 36 Millionen Missbrauchspotential bedeuten. Also muss die Transparenzdatenbank her, die Missbrauch verhindern helfen soll. Und wenn das nichts nützt, könne es auch Gesetzesänderungen geben.

Die Argumentation hatscht mehrfach: Die zwanzig Prozent deutscher Sozialstaatsmissbraucher sind eine Behauptung des Herrn Westerwelle
von der FPD. Die Bundesanstalt für Arbeit rechnet mit knapp zwei Prozent. Dann
bliebe erschreckender Missbrauch in der Höhe von 3,5 Millionen Euro übrig…

Aber ja, Missbrauch gehört sich nicht, auch wenn es Leute geben soll, die den erpfuschten Zuverdienst eines Arbeitslosen im Vergleich zu den Bonuszahlungen, die Bankmanager kassieren, für eine lässliche Sünde halten. Aber dafür der ganze Aufwand mit der Vernetzung und Individualisierung von Millionen Daten? Wird da nicht ganz anderes bezweckt: schlechtes Gewissen zu schaffen bei allen, die ihr Recht auf diverse Transferzahlungen in Anspruch nehmen, weil ihnen Familienbeihilfe, Pflegegeld, Schülerfreifahrt, Wohnbeihilfe zusteht, weil die Gesellschaft sonst aus allen Fugen krachte? Und was die angedrohten „Gesetzesänderungen“ betrifft: ist das nicht die Ankündigung weiteren Sozialabbaus?

Zur Einordnung der angeblichen Horrorsumme von angeblichen 36 Millionen Euro Missbrauchspotential bei der Mindestsicherung half mir an dem Tag noch ein Radiokolleg auf Österreich 1 zum Thema Verteilung. Da rechnete eine Expertin des Wirtschaftsforschungsinstituts vor, auf welche Summen der Staat bei den Vermögenssteuern verzichtet: bei der Grundsteuer unter Einbeziehung aller sinnvollen Ausnahmen auf eine Milliarde Euro, bei der Erbschafts- und Schenkungsteuer auf 150 Millionen Euro, bei der Vermögenszuwachssteuer auf 200 Millionen Euro… Na klar, dass der Staat die Sozialhilfeempfänger schärfer kontrollieren muss. Sonst könnte er sich ja die
Großzügigkeit gegenüber den Vermögenden nicht leisten. Oder die 15 Milliarden
Unternehmensförderungen, die Bund, Länder und Gemeinden auszahlen. Aber das
wird mit der Transparenzdatenbank alles anders, wetten wir?

(Megaphon April 2010)

 

Bargeldregen

Kennen Sie Harry v. d. Weenforth? Oder Peter Stiedel? Ich
auch nicht. Und ich bin nicht einmal sicher, ob die beiden Herren existieren. Obwohl sie soooo nette Post verschicken…

„Offizielle Gewinnbenachrichtigung. Bargeldregen für Herr
Hauer“ (wer wird da kleinlich sein und das fehlende „n“ einfordern),  „Herzlichen Glückwunsch Herr Hauer, Sie haben gewonnen. 3. Preis 2500,- Euro in  Bar.“ Bumsti. Toll. Her damit. Meine Kontonummer ist…

Ach so. So einfach ist das nicht. Zur Auszahlung muss ich mich am 6. Mai um 6:45 Uhr zum Bahnhof meines Wohnortes begeben und einen „modernen, bequemen Reisebus“ besteigen, der mich „kostenlos, sicher und ausgeruht zur Live-Sendung bringen wird“. Die 25 grünen Scheine krieg ich nämlich nur in Bratislava, „inkl. Donauschifffahrt, Stadtrundfahrt und Stadtbesichtigung.“ Und bis zu vier Freunde darf ich mitbringen. Und Frühstück, Mittagessen und Freigetränk gibt es auch für alle. Und einen „prall gefüllten Präsentkorb mit 7 Pfund landestypischen Spezialitäten“ – von dem gibt’s sogar
ein Foto: mit Jacobs-Kaffee, Tulip-Frühstücksfleisch, Bonduelle-Dosenerbsen.
Was halt so landestypisch ist für die Slowakei.

Leute, da stinkt was. Mir schenkt keiner was. Nicht einmal Erbsendosen, geschweige denn 2500 €. Und so werde ich die „Bargeldregen-Auszahlungsurkunde für Herr Hauer“ nicht an „LDU-Touristik Peter Stieler, Postfach 2416, 5000 Salzburg“ zurückschicken. Ich google die Herrschaften lieber. Und siehe da: die sind ja durchaus prominent.

584 mal kommt findet die Suchmaschine die LDU-Touristik. Allerdings fast ausschließlich in Warnungen von Konsumentenschützern. Von der AK Niederösterreich bis zur „Märkischen Oderzeitung“. Die Firma und der angebliche Herr Stieler haben nämlich auch ein Postfach in D-49651 Cloppenburg. Und sie verkaufen überall dasselbe: Werbefahrten, wo Leute an ein mehr oder weniger attraktives Ziel gelockt, dort in einer Gaststätte unterschiedlicher Qualität kaserniert und zum Kauf von Heizdecken, Kupferarmbändern, Gewichtsreduktions-Trinkkuren oder sonst was  animiert werden.  Die Vorwände wechseln übrigens: Früher hieß das ganze TV-Bingo-Bargeldregen. Da zog dann offensichtlich der angebliche Herr v. d. Weenforth, dessen Name an einen tatsächlich existierenden Fernsehmoderator erinnert, vor der Videokamera eine Show ab. Ergebnis: das gleiche. Aber das erklärt den Hinweis auf die „Live-Sendung“ auf Seite 2 des Schreibens, die auf Seite 1 nicht einmal erwähnt wird. Papier ist bekanntlich
geduldig.

Die Konsumentenschützer sehen gute Gründe dafür, dass bei derartigen Firmen immer nur Postfachadressen mit nicht existierenden Personen angegeben werden: Niemand soll seinen angeblichen Gewinn einklagen können. Und Ärger mit Behörden könnte man sich so auch ersparen.

Das Geschäft mit den getarnten oder auch deklarierten Werbefahrten blüht. Und das Argument, jeder ist selber schuld, der darauf hereinfällt, zieht nicht: Da geht es um organisierte Angriffe auf die Brieftaschen von Leuten, die nicht imstande sind, das rechtzeitig zu durchschauen. Den Abzockern gehört das Handwerk gelegt.

(Megaphon Mai 2010)

 

Sommer-Prognosen

Der Redaktionsschluss ist ein Hund. Natürlich kein
vierbeiniger, kläffender, Hundeführschein pflichtiger. Aber ein metaphorischer: Er quält den Kolumnenschreiber. Insbesondere, wenn ein paar Wochen zwischen Abgabetermin und Erscheinungstag des geschätzten Druckwerks liegen. Was sich da alles ändern kann.

Wo doch, wie schon Mark Twain (oder Karl Valentin? Oder Winston Churchill?) wusste, Prognosen besonders dann schwierig sind, wenn sie die Zukunft betreffen. Ein einfaches Beispiel. Natürlich kann ich heute schreiben: „Wenn Sie das lesen, ist Sommer“. Astronomisch kein besonderes Risiko. Aber werden Sie auch subjektiv den Eindruck haben, einen Sommer zuerleben? Bei den Erfahrungen mit den Julianfängen der letzten Jahre?

Oder, um bei wirklich wichtigen aktuellen Ereignissen zu bleiben: Kann ich mich heute, nach neun von 64 Spielen der Fußball-WM, auf irgendeine Vorhersage einlassen, ohne mich zu blamieren? Sie wissen ja, wenn Sie das lesen, ob Brasilien, Argentinien, Deutschland und Italien das Semifinale erreicht haben. Oder sonst wer. Ich sag bestenfalls: Algerien wird nicht Weltmeister.

Etwas einfacher ist es bei doch hin und wieder auch noch diskutierten
politischen Fragen: Werden sich in der ÖVP die vernünftigen Kräfte wie die
Bildungsministerin durchsetzen und die skandalöse Aufteilung der
Neuneinhalbjährigen in AHS-Schüler (mit Perspektive) und Hauptschüler (mit
wenig Perspektive) aufgeben? Oder sind Standesdünkel und Lehrerinteressen, wie sie Beamtengewerkschafter verstehen, weiter wichtiger als die von allen ExpertInnen geforderte gemeinsame Schule der 6- bis 14jährigen? Risikolose Prognose: So schnell wird da nix passieren. Wenn überhaupt noch in diesem Jahrhundert….

Wird wenigstens die erbärmlich niedrige Mindestsicherung von 12 mal 744 Euro (ich bleib dabei, sehr verehrter Herr Leserbriefschreiber P.S., und weiß mich da auf einer Linie mit dem Caritas-Präsidenten) beschlossen sein? Oder wird noch immer über die willkürlich damit junktimierte Transparenzdatenbank gestritten? Prognose: Anfang Juli ist das noch lang nicht erledigt…

Diese Kolumne entsteht an dem Tag, an dem die Verfassungsrichter entschieden haben, dass Bundesasylamt und Asylgerichtshof in der Affäre Zogaj korrekt gearbeitet
hätten, die Ausweisung der kranken Frau, ihrer bestens integrierten Tochter
Arigona und ihrer Brüder also rechtens sei. Zitat nach ORF.ON, weil es so
skurril ist: „Im Falle einer Rückkehr in das Kosovo könne außerdem nicht davon
ausgegangen werden, dass der Familie die Existenzgrundlagen entzogen
seien.“  Wird vielleicht doch noch die Menschlichkeit triumphieren und die Familie humanitäres Aufenthaltsrecht erhalten? Oder wird die Ministerin, die sich nicht zu gut war, über die „Rehaugen“ des Mädchens zu spotten, längst verkündet haben: Ich hab nur meine Pflicht getan? Ich fürchte, ich ahne, wie die Sache ausgeht. Und ich schäme
mich als Österreicher dafür.

Sollte ich mich mit einer meiner Prognosen geirrt haben, würde ich mich freuen. Außer bei der Fußball-WM. Da ist es mir ziemlich wurscht. Auch wenn Algerien Weltmeister
wird.

(Megaphon Juli 2010)

 

Von der Unschuld…

Vermuten Sie, was Sie wollen: ich habe jedenfalls nicht
vor, den neunhundertelften Kommentar zur in Österreich pandemisch grassierenden Unschuldsvermutung zu verschulden. Sie hätten ja auch nicht vor, ihn zu lesen.

Mir geht aber eine Frage nicht aus dem Sinn: Hat das Wort Unschuldsvermutung Chancen, zum Wort des Jahres gewählt zu werden? Oder doch eher zum Un-Wort des Jahres? Das stünde vermutlich im Einklang mit der Stimmung der meisten nicht auf die Unschuldsvermutung angewiesenen Menschen in diesem Land.

Wenn aber die Unschuldsvermutung zum Un-Wort des Jahres gekürt werden sollte: Was heißt das für das Gegenteil? Wird dann die Schuld-Vermutung automatisch zum Wort des Jahres? Oder heißt das Gegenteil von Unschuldsvermutung konsequenterweise Schuld-Gewissheit? Gültig in allen dubiosen Geld-Provisions-Hinterziehungs-Bestechungs-Geschenk-Affären des Landes?

Vorsicht, machen wir es uns nicht zu einfach. Sonst landen wir bei der doch etwas generalisierenden Einschätzung eines „Krone.at“-Lesers spitznamens „dasee“, dem am 16. August zur HypoAlpeAdria-Entwicklung ein nur aus drei Wörtern bestehender Kommentar einfiel: „schweine schweine schweine.“ Mag ja ganz lustig gemeint sein. Ist
aber auch nur ein weiteres Bespiel für den grauenhaften Diskussionsstil, der im
Internet Einzug gehalten hat: Nicht Argumentieren, sondern Befetzen,
Beschimpfen, Fertigmachen. Nicht diskursiv Abwägen, sondern Auskotzen. Alles.

Und es ist inhaltlich gefährlich, weil nur jenen nützlich, die tatsächlich Dreck am
Stecken haben. Wenn ohnehin alle dieselben Gfraster sind, brauchen wir ja nicht mehr zu differenzieren. Nehmer und Korrekte, Betrüger und ehrliche Kaufleute, Hinterzieher und Steuerzahler – alles eins? Es wird die Nehmer, die Betrüger, die Hinterzieher
freuen. Und wozu dann noch etwas gründlich im Einzelfall untersuchen, wir
wissen ja eh, dass nichts rauskommt…

Es gibt aber auch noch eine andere Annäherung an dubiose Vorgänge, die verblüfft: der Kommentarschreiber P.G. im K-Blatt vom 8. August zu den Berichten, Haider & Co. hätten von Saddam Hussein oder Gaddafi Millionen erhalten: „Was ist, wenn Haider tatsächlich heimlich über so viele Millionen verfügt hat? Und wenn schon, werden viele Leute sagen. Ist ja nicht verboten, sich Geld schenken zu lassen, oder?“ Herzig. Sagt ja nicht der Herr Journalist, sagen ja „viele Leute“. Sind das die selben, die sich sonst an
Berichten über angeblich korrupte EU-Beamte, Ost-Politiker oder afrikanische
Diktatoren das Herz erwärmen? Aber das ist ja was anderes, klar: Wenn sich ein
Haider von einem Saddam hätte Geld schenken lassen,  weil der sein Image aufpolieren wollte,  so wäre das ja wahrscheinlich nur zum Besten Kärntens gewesen, oder wie oder was? Wie sonst so vieles, was der tote LH getan hat, oder wie oder was?

Gründliche Aufklärung jedes Einzelfalls muss sein, sonst zieht es uns nur noch tiefer in den Sumpf. Und die Justiz und ihre Träger wären mitschuldig. Im Übrigen startet im November ein neues Kabarettprogramm mit Steinhauer, Scheuba, Palfrader u.a.: „Heinz
Conrads präsentiert Österreichs reinste Lamperln“. Titel: Unschuldsvermutung.

(Megaphon September 2010)

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Sonka. Und das Lammopfer von Plovdiv.

Sonka. Und das Lammopfer von Plovdiv.

Es war die Zeit, da wusste der junge Journalist nicht so ganz genau, was Europa ist. Ja, natürlich, da war die Prinzessinnen-Kuh, die sich vom altgriechischen
Göttervater im Stierkostüm ent- und verführen ließ. Und es war eine nicht besonders große Landmasse, der Erdteil, dem wir angeblich „inmitten“ lagen, „einem
starken Herzen gleich“ – grässliches Pathos übrigens, Frau Preradovic! Und wahr
war das auch nicht, wenn man die Geografie ein wenig politisch anlegte. Und natürlich legte, wer auf sich hielt, die Geografie politisch an, Ende der Sechziger-,
Anfang der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Also gab es das Europa der Großen und Starken, die EWG auf dem Weg zur EG, das Europa des Kapitals, wo die Deutschen permanent die große Klappe offen hatten – allein das ein Grund, da nicht dabei sein zu wollen. Und schließlich waren wir neutral,  immerwährend, Punkt.

Dann gab es das Europa für die Armen, die EFTA, ha, schließlich waren wir und die Schweizer und die Dänen und erst recht die Briten auch wer  (Na gut, die letzteren beiden sind bald zur EWG desertiert, aber was hält schon ewig. Und schließlich sind wir ja auch
diesen Weg gegangen). Von „inmitten“ war bei der EFTA allerdings auch nicht
direkt die Rede.

Und dann gab es noch die Ecke, von der wir nicht so genau wussten, ob das wirklich Europa war, historisch schon irgendwie, für Mitteleuropa-Nostalgiker natürlich auch.
Aber hatten sich, ob man das wollte oder nicht, je nach Lesart und
ideologischer Herkunft, „der Ostblock“ oder „die Länder des realen Sozialismus“
nicht schon so weit von uns weg entwickelt, dass der Begriff Europa eine leere
Hülle geworden war?

Die Neugier des jungen Journalisten war groß auf die Länder, in denen alles anders war. Und auf die Menschen dort – die neuen Menschen? Die Betreuerin der kleinen
österreichischen Journalistendelegation im Rumänien Ceausescus war womöglich so
ein Mensch. Wird schon eine Mitarbeiterin der Securitate gewesen sein, klar bei
dem Job, sie sah aber wenigstens nicht danach aus: ganz Dame jenseits der
sechzig, mit Perlenkette, kultiviert, erzogen und gebildet in Wien, Warschau
und Paris – eindeutig eine echte Europäerin, selbst dort! Nur was sie von sich
gab entsprach nicht ganz dem, was wir für europäischen  Standard hielten: Ja, meine Herren, wir hatten im Land ein Problem mit der Geburtenrate, es kamen einfach zu wenig
Kinder auf die Welt. Aber unser großer Staatslenker Nicolae Ceausescu wusste
Rat. Er ließ den Verkauf von Verhütungsmitteln verbieten, und schon war das
Problem gelöst… Rumänien, 1973. Das Problem Ceausescu wurde in der Zwischenzeit
bekanntlich auch gelöst, wenn schon nicht durch eine Revolution, so wenigstens
durch eine Art Prätorianer-Putsch. Aber das hat ja auch römische, also europäische
Wurzeln. Und so ist es nur logisch, dass Rumänien mit seiner auch österreichischen, auch ungarischen Geschichte auch politisch nach Europa gefunden hat. Irgendwie.

Nachbar Bulgarien auch. Dort war schon in den Siebzigerjahren das Rauchen am Steuer eines Kraftfahrzeugs verboten – welch Vorreiterrolle im europäischen Kreuzzug gegen
die Raucher! Ob sich das Land innerhalb der EU allerdings in allen Bereichen
gedeihlich entwickelt? „Beim bulgarischen Erstligisten Lokomotiv Plovdiv scheint der Aberglaube überhandzunehmen. In der Hoffnung auf bessere Leistungen in der zweiten Saisonhälfte wurde am Mittwoch im Heimstadion ein Lamm geopfert. Anschließend beschmierten Spieler die Torstangen mit dem Blut des Tieres, das
zuvor von einem Priester und großen Fan des Klubs rituell geschlachtet worden
war. Lok Plovdiv, ein Verein aus der zweitgrößten Stadt Bulgariens, liegt nach
15 Runden auf Platz fünf, elf Punkte hinter Spitzenreiter Litex Lovech.“
(Quelle: weltfussball.de, Februar 2011).

Auch in Zypern leben Lämmer gefährlich, insbesondere zur Osterzeit, wo die christliche
Metapher vom wahren Osterlamm zehntausendfach duftendes Fleisch wird. Ansonsten
hängen viele männliche Zyprer , da hat sich durch den Beitritt zur
EU nichts geändert, vor allem einer Religion an: der Jagd. Wanderer, kommst Du
nach Polis, zieh den Kopf ein, insbesondere wenn es Sonntagmorgen ist…
Unglaublich, wie die meist camouflierten Herren in die Macchie ballern. Ob sie
dabei viel treffen, darf bezweifelt werden. Außer einander, weshalb sich auch
hier das rote Band um den Hut durchgesetzt hat. Zypern hält vermutlich den
Europarekord an Patronenhülsen pro Quadratmeter.

Auf die zyprische Küche hat das übrigens keine besonderen Auswirkungen: Spitzenklasse
in levantinisch-griechisch-türkischer Tradition mit einem Schuss Venetischem
dazu. Und man findet sie gerade an abgelegenen Orten. Am Rand eines
Naturschutzgebietes im Südosten steht gleich neben einem Luxushotel hoch über
einer Traumbucht ein kleineres Hotel mit einer Taverne, die solide, aber nicht
spektakulär aussieht. Spektakulär sind allerdings die Mezedes, die hier geboten
werden, die mehr als ein Dutzend kleinen Gerichte von Taramas bis Tintenfisch,
von Skordalia bis Lammkotelett, von Halloumi bis Stifado bis zu den
unglaublichsten aller Lukumi, einer Art Fruchtkonfekt aus Traubensaftgelee… Die
Köchin sieht vertrauenswürdig aus, ist um die Fünfzig und kommt – aus
Bulgarien. Sonka hatte irgendwann vor ein paar Jahren genug von ihrem Mann und
ihrem Lehrerinnenjob in Sofia, der ihr 200 Euro im Monat einbrachte. Wie sollte
sie damit das Studium der beiden Kinder finanzieren? In Zypern war auch das
Wetter besser, und so kam sie, kochte und kochte und kochte immer zyprischer
bis auf ihr heutiges Niveau. EuropäerIn des Jahres sollte sie werden!

Was Europa ist, weiß der alt gewordene Journalist noch immer nicht ganz genau. Er hat nur den Verdacht, dass es kein Zufall ist, wenn ihm beim Nachdenken über den
Begriff zuallererst Menschen einfallen. Menschen, die sich merkwürdig
verhalten. Und ganz reale Menschen, die er kennt und schätzt. Und das ist gut
so. Wenn er an sein geliebtes Italien denkt, dann an Armando und Gianni, und
nicht an die Wahlergebnisse des kleptokratischen Lustgreises mit der
Chirurgenmaske. Wenn er an die Schweiz denkt, dann an den umtriebigen Buchhändler und nicht an die populistischen Rattenfänger, die auf der Klaviatur der Vorurteile direkte Demokratie spielen. Wenn an Kärnten, dann an die kluge Diplomatin in Brüssel und den witzigen Verleger in Klagenfurt, und nicht an die Unsäglichkeiten dortiger Landespolitik.
Wenn an Österreich, dann an Ute Bock und Vinzi-Pfarrer Pucher und nicht an die
peinliche Fremdenfeindlichkeit maßgeblicher PolitikerInnen.

Aber vielleicht bedeutet Europa auch das alles zusammen: lämmeropfernde Fußballpfarrer und schießwütige Machojäger und opportunistische Propaganda-AgentInnen, aber auch das European Youth  Orchestra und
„Leipzig liest“ und den Wallner-Heurigen in Obersdorf. Vielleicht ist Europa
einfach die Summe seiner Widersprüche. Ganz wie die Länder dieses Kontinents.
Und der anderen auch.

 

Ernest Hauer,
4.3.2011

(Aus: Norbert Schreiber/ Lojze Wieser (Hg.): Europa weiter erzählen Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2011)

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Berggeschichten 1: Solidarität mit Albert!

So schnell kann’s gehen und man sitzt nicht mehr in der Karibik, sondern am Arlberg und wundert sich, wie warm die Märzsonne scheinen kann. Skifahren mag ja ökologisch nicht 100prozentig korrekt sein, aber schön ist es schon. Und unsereins als Pistenbenutzer tritt wenigstens keine Lawinen los und bringt auch keine tapferen  Retter  von diversen Suchkommandos in Gefahr, und wenn ab und zu die Bergrettung was zu tun hat, freut die sich und mein Freund, der Bergdoktor, macht ein Geschäft. Also bitte um Nachsicht.

Zürs wiederum mag ja politisch nicht ganz korrekt sein mit seinen Reichen & Schönen & Promis & Aristos, aber es ist ein wunderbarer Ort mit ordentlichen und sehr sympathischen Hotels wie dem “Enzian”, wo einmal im Jahr Eva aus ihrem neuesten Krimi liest und gemeinsam mit Manfred Buchinger und der örtlichen Küchen-Crew den Gästen ein Dinner um die Ohren kocht, dass die mit diesen nur so schlackern und sich bestenfalls noch wundern, wie gut die dazu präsentierten Döllinger-Weine sind. Der Skiort Zürs hat nicht nur tolle Pisten und mehr oder weniger erträgliche laute Bergrestaurants zu bieten, sondern auch ganz sympathische Ecken. Eine davon ist Albert’s Hütte bei der Stütze 6 des Seekopf-Lifts. Seit Jahren schenkt dort der pensionierte Textil-Manager Albert Vögel selbst gebrannten Schnaps und  selbst gepressten heißen oder kalten Apfelmost aus und unterhält seine Gäste mit allerlei Geschichten. Unter anderem mit der vom Schnapskanister, den er wie üblich vom Sessellift bei der Stütze 6 abgeworfen hat, und der einfach verschwunden war, bis er im Frühjahr wieder heraus geapert ist. Die Hütte steht auf Albert Vögels eigenem  Grundstück,  und er hat lange um sie kämpfen müssen – würde  sein Grund nicht für die Skipiste benötigt werden, hätte er nach eigener Einschätzung keine Chance auf Genehmigung des Ausschanks gehabt. Denn selbst die paar hundert Liter Selbstgemachtes und dazu ein paar Flaschen Bier und ein paar Packerln Mannerschnitten taten und tun manchen Leuten offenbar weh. Ja, der Neid ist ein Luder. Und so scheint Albert, der sich durchaus zu einem gewissen querulatorischen Durchhaltevermögen bekennt, jetzt wieder eine Schlacht verloren zu haben. Die Hütte ist zu, an der Wand hängt die Kopie eines amtlichen Schreibens, das ihn von der Anzeige informiert, die der Geschäftsführer des Seekopf-Restaurants erstattet hat: wegen illegalen gewerblichen Ausschanks und so, wegen möglicherweise fragwürdiger hygienischer Verhältnisse, da es nicht einmal Fließwasser gebe (die Fassung einer Quelle auf seinem Grund wurde nie genehmigt), fehlender Toiletten usw. usf. Der Bürgermeister wies Herrn Vögel im Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Bludenz mit 13. März 2011 an, die Hütte zu schließen. Und die Holzterrasse,  auf der SkifahrerInnen eine Pause mit prachtvoller Aussicht genießen können, solle auch abgerissen werden. Na klar, da könnte ja jemand ein paar Minuten Ausspannen, ohne was konsumieren zu müssen, oder wie, oder was?Albert vermutet den Besitzer eines Großhotels hinter der Schikane, und er will weiter kämpfen. Meine volle Solidarität hat er!

Update 2012

Es sieht so aus,als hätte Albert aufgegeben. Schade.

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Inselgeschichten 1: Happy Valentine!

So, das Kopfzeilen-Bild ist gewechselt (dank transatlantischer Kommunikation mit Roland Kammerer), und der Blog ist damit auch auf St. Kitts angekommen – und das zu Valentine’s. Wenn das kein Grund ist, liebe Grüße an alle Welt zu verschicken…

Die Insel hat sich nicht wesentlich verändert, das Meer ist blau und warm und wellig, der Insel-Rum “Belmore Estate Gold” ist deutlich besser geworden, und es gibt ein großartiges neues Restaurant mit dem passenden Namen NIRVANA in der renovierten Fairview Plantation – Chef aus Barbados, zwei Meter lang und mindestens so gut. Wer wird sich da schon groß darüber aufregen, dass ein paar Beach Bars für das neue Restaurant in Friars Bay South, das seit drei Jahren demnächst aufsperrt, auf schlechtere Plätze übersiedeln mussten – verdienen halt ein paar Inselmenschen weniger, aber sicher nicht um soviel, wie die Politiker kassiert haben, die die Zerstörung der schönsten Ecke der Insel zuließen. Für einen Dolphin-Park, der sozusagen im Rohbau stecken geblieben ist (viele Steine schirmen eine künstliche Lagune ab, in der fette Seesterne wohnen – ein paar Seelöwen, die als trauriger Projekt-Rest hier vor sich hin stanken, haben einen Sturm genützt, um ins Meer abzuhauen, sehr veständlich…). Weiters für ein Luxusrestaurant, das alle Stücke spielen wird, selbst die Glastüren für die sechzig Meter lange Seafront wurden aus Germany importiert, Dutzende Palmen aus Jamaica, tausende Flaschen Wein altern angeblich auch schon vor sich hin -aber selbst wenn das ganze jemals aufsperrt, kann das nur ein Millionengrab werden. Ach ja, und dort, wo am Berghang früher die Ziegen und Schafe wiedeten, klafft jetzt ein Steinbruch-Loch – angeblich für ein Hotel, das irgendwann kommen soll. Oder auch nicht. Es stinkt jedenfalls nach Geldwäsche.

Aber die Insel ist trotzdem schön und liebenswert.

Fortsetzung folgt.

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Ja, ja, die Erwartungen…

Ich freu mich natürlich über positive Reaktionen lieber Menschen, warne aber vor zu hohen Erwartungen. Ich bin noch nicht ganz sicher, wie groß mein Bedürfnis ist, zur Welt meinen Senf dazuzugeben… Jedenfalls find ich es auch eine großartige Idee von Eva, mir diesen Blog zu schenken.

Was das Foto oben betrifft: ja, ich find es auch gut, aber es entspricht sowas von überhaupt nicht meiner Stimmung. Sieht mir nach einsamer Wanderung in den Herbst des Lebens aus, und das im Loden-Outfit – brrr. Sobald ich es schaffe, werde ich das Bild durch ein optimistischeres ersetzen. Könnte leicht sein, dass es was Karibisches wird.

Um zu den Grundfragen des Lebens zu kommen: Ja, die Sonne frisst und frisst dem Arlberg den Schnee weg, nicht ohne ihn vorher in einen skiistisch kaum befahrbaren Gatsch zu verwandeln. Aber das ist kein Grund, jetzt nicht auf die Piste zu gehen. Oder zumindest an die Sonne… So long!

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Willkommen!

Wer immer sich auf meine neue Seite verirrt (oder sie gar bewusst angesteuert) hat, ist herzlich willkommen! Ich kann  zwar keine Antworten auf die grundlegenden Fragen des Lebens versprechen, wohl aber ein paar wesentliche Fragen beisteuern: Wird das Leben mit 60 anders, als es mit 59 war? Frisst der Föhn den letzten Jänner-Schnee am Arlberg? Können St. Kitts und die Kittitians die Einführung der Mehrwertsteuer verkraften? Werde ich halbwegs regelmäßig bei meinem Blog vorbeischauen? Fragen über Fragen….

Liebe Grüße,

Ernest

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