Die Hymnen nieder!

 

 

Dreizehnmal Vaterland, einmal Mutterland, achtmal Heimat oder Heimaterde, zweimal Nation, siebenmal Volk – die Wortwahl in den Nationalhymnen der EU zeigt, wie nahe die Länder Europas einander sind. Lästig dabei nur: Die Sänger meinen immer das eigene –  Vaterland oder was immer. Und keineswegs die 26 anderen (außer in Zypern, dort haben sie 1966 die griechische Hymne zur eigenen erklärt. War auch nicht direkt hilfreich beim Aufbau einer gemeinsamen zyprischen Identität).

Hymnen: Staatssymbole, Hintergrundgeräusch bei Politikervisiten, Gegröhle in Stadien, früher auch Signal zum Sendeschluss im Fernsehen, als es noch nicht rund um die Uhr Wiederholungen gab – waren das Zeiten! Hymnen: Ausdruck des Wir-Gefühls von Nationen, akustische Leckerlis für Patrioten und Patriotinnen, Zeichen von Geschichtsbewusstsein und Traditionspflege? Eben. In den 26 Hymnen der  EU-Länder geht es zwölfmal um Krieger/Feinde/Kämpfer, siebzehnmal um Ruhm/Ehre/Blut/Tod/Grab, siebenmal wird zu Waffe oder Schwert gerufen.  Kein Wunder, dass in elf Hymnen Brüder und Söhne angesprochen werden und nur in vier Schwestern und Töchter – Martialismus ist eben maskulin.

Rechtfertigt die Berufung auf die Geschichte alles? Auch den Aufruf zum Blutbad?

„Zu den Waffen, Bürger! Schließt die Reihen, Vorwärts, marschieren wir! Das unreine Blut tränke unserer Äcker Furchen!“  - der Refrain der Marseillaise. „Lasst uns die Reihen schließen! Wir sind bereit zum Tod, wir sind bereit zum Tod. Italien hat gerufen!“ – der Refrain der Fratelli d’Italia, direkt defensiv dagegen. Hat irgendjemand untersucht, wie sich dieses Kriegsgeschrei auf Fußballerhirne auswirken kann? Ist jetzt endlich geklärt, worauf die historische Skandalszene zwischen Zinédine Zidane und Marco Materazzi im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zurückzuführen war? Nach dem Hymnengebrüll zuvor? Dabei hat Z. nicht einmal das „unreine Blut“ des M. vergossen, sondern ihm nur den Kopf in die Brust gerammt.

Nicht alle Hymnen sind blutrünstig, zugegeben. Die Basis der slowenischen Hymne ist ein Gedicht von France Preseren mit dem schönen Titel  „Zdravljica“ (zu deutsch: Trinkspruch bzw. „Prost“). „Freunde, die Rebe hat nun wieder den süßen Labetrunk beschert, der unsere Pulse hebet, der Herzen uns und Augen klärt…“ Zwar geht’s auch hier nicht ganz ohne Feinde, die „Blitze treffen“ mögen „aus hoher Wolkenbahn“. Doch der Rest ist herrlich versöhnlich. Und Landeshymne ist nur die siebente Strophe: „Es leben alle Völker, die sehnend warten auf den Tag, dass unter dieser Sonne die Welt dem alten Streit entsag! Frei sei dann jedermann, nicht Feind, nur Nachbar mehr fortan!“ Die Nachbarn im Norden singen in ihrer Landeshymne noch immer „wo man mit Blut die Grenze schrieb“ – Kärnten eben.

In Dänemark besingen sie die Schönheit des Landes: „Oh ja, das Land ist schön! So blau die See der Belte,  das Laub es grünt hier grün. Und schöne Mütter, edle Frauen, Männer und gescheite Knaben bewohnen die dänischen Inseln, bewohnen die dänischen Inseln.“ Ein beneidenswert friedlich gestimmtes Volk, das sich noch dazu in seiner Hymne auch zur Arbeit bekennt, wie nur ganz wenige andere…? Ja,  schon. Aber was eine ordentliche Monarchie ist, hat zumindest eine zweite offizielle Hymne, die Königshymne: „König Christian stand am hohen Mast, in Rauch und Dampf; Sein Schwert hämmerte so fest, dass Helm und Hirn des Goten barst. Da versanken alle feindlichen Achterdecks und Masten in Rauch und Dampf. ‚Fliehe‘, schrien sie, ‚fliehe, wer fliehen kann! Wer besteht gegen Dänemarks Christian, wer besteht gegen Dänemarks Christian im Kampf?‘So lässt sich doch eher Ländermatchstimmung aufbauen.

Die Königshymne um Christian (und andere gekrönte Gewalttäter) stammt aus dem 18. Jahrhundert und bezieht sich auf eine Seeschlacht während des Dreißigjährigen Krieges, in der eine dänische Flotte eine schwedische im Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee besiegte – so viel zu den „Goten“. Gibt es irgendeinen Grund, im 21. Jahrhundert Kriegshandlungen des 17. (oder 18. oder 4. oder 9.) Jahrhunderts hymnisch zu verklären und als nationalidentitätsstiftend zu besingen? Geschichtsbewusstsein schön und gut, aber Reflexion und Distanz sollten da nicht unbedingt schädlich sein. Nur dumm, dass  staatliche Symbole im Allgemeinen eher nicht Gegenstand ebendieser reflektierenden Distanz sind. Im Gegenteil – die kritische Auseinandersetzung mit ihnen wird als „Verunglimpfung“ oder „Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole“ in etlichen Staaten unter Strafe gestellt, etwa auch in Österreich:

„Wer in … gehässiger Weise eine aus einem öffentlichen Anlass oder bei einer allgemein zugänglichen Veranstaltung gezeigte Fahne der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer, ein von einer österreichischen Behörde angebrachtes Hoheitszeichen, die Bundeshymne oder eine Landeshymne beschimpft, verächtlich macht oder sonst herabwürdigt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.[

Bundesgesetz vom 23. Jänner 1974 über die mit gerichtlicher Strafe bedrohten Handlungen (Strafgesetzbuch – StGB) StF: BGBl. Nr. 60/1974

Wer also lauten Zweifel anmeldet, dass wir angesichts des „zu Mantua in Banden“ schmachtenden Andreas Hofer „Gott sei mit euch, mit dem verrat’nen deutschen Reich, Und mit dem Land Tirol“ singen sollen,  macht sich strafbar. Wie wohl auch jemand, der pointiert ein anderes Verständnis vom Verhältnis zwischen BürgerIn und Staat vertritt, als es in der oberösterreichischen Landeshymne besungen wird…:“Hoamatland, Hoamatland, di han i so gern wiar a Kinderl sein Muader, a Hündal sein Herrn“.

Okay, ob die Hymne einer österreichischen Provinzentität historisch oder sonst wie peinlich ist, kratzt den Rest der Welt nicht besonders. Fragwürdig wird es allerdings, wenn ein politisch extrem belasteter Text mit einer Hymne verbunden ist. „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt….“ Wer behauptet da, das sei die deutsche Bundeshymne? Die war  das Deutschlandlied wohl in der Weimarer Republik und seine erste Strophe (zusammen mit dem Horst Wessel-Lied) unter den Nazis. 1952 wurde festgelegt, dass das Lied die Hymne der Bundesrepublik bleibt, aber bei offiziellen Anlässen nur die 3. Strophe gesungen wird. Seit 1991 ist nur mehr die dritte Strophe die deutsche Hymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“  Und wer sich bei jeder Siegerehrung für Sebastian Vettel noch immer wundert, dass da schon wieder Deutschland, Deutschland über alles gesungen wird, hat in Zeitgeschichte nicht aufgepasst. Oder könnte der Umgang des offiziellen Deutschland mit seiner Hymne dem gerade in Politikkreisen beliebten Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ gefolgt sein?  Ganz abgesehen davon, dass sie uns Österreicherinnen und Österreichern die alte Kaiserhymne gestohlen haben. Aber darüber sollen sich die verbliebenen Monarchistinnen und Monarchisten aufregen – oder schauen die extra Formel 1-Rennen, um wieder einmal ihr „Gott erhalte, Gott beschütze“ mitsingen zu können?

Angesichts des Hymnen innewohnenden Hangs zur Kanonisierung historischer Grausigkeiten, nationaler Überlegenheitsattitüden oder einfach Dummheiten ist die Frage zu stellen: Brauchen wir derartige Hymnen überhaupt?

Spanien ist da einen interessanten Weg gegangen: Die Nationalhymne aus dem 18. Jahrhundert ist zwar eine der ältesten Europas, aber sie hat keinen Text. La Marcha Real, der Königsmarsch, ist nur in der Instrumentalfassung Landeshymne. Historisch gab es unter diversen Machthabern bis inklusive Franco verschiedene Texte dazu, aber keiner wurde offiziell zur Hymne. Auf Wunsch des Nationalen Olympischen Komitees wurde 2008 ein Wettbewerb ausgeschrieben, damit auch die spanischen Fußballer künftig was zum Mitsingen haben, doch der Gewinnertext wurde in der spanischen Öffentlichkeit abgelehnt. Und so singen die Kicker noch immer nicht, gewinnen aber trotzdem.

Wäre es nicht ein schönes Zeichen dafür, dass man auch ohne nationalistische Wallungen Sport betreiben kann, wenn künftig vor den Spielen auf das Abspielen der Hymnen verzichtet würde? Oder, wenn man schon dem Drang der Sportreporter zum Pathos Konzessionen machen muss, in Europa  die Europahymne spielte? Die hat nämlich auch ganz bewusst keinen Text, sondern existiert nur in einer Karajanschen Fassung des Hauptthemas „An die Freude“ aus der 9. Beethoven. Und jedem bleibt es selbst überlassen, ob er oder sie dazu singt: „Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium…“ Oder, was genauso gut passt: „Und der Haifisch der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht…“ Oder einfach, wie der große Wiener Schauspieler Kurt Sowinetz in den Siebzigerjahren: „Alle Menschen san ma zwider, i mecht’s in die Goschen haun…“

Schafft die Hymnen ab!

 

Anm.: Alle Textfassungen und Übersetzungen aus http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nationalhymnen

 

Ernest Hauer, 2.3.2013

 

(Aus: Lojze Wieser (Hg.): Demokratische Einigung Europas – Das Hoffen wagen. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2013)

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Eine Antwort auf Die Hymnen nieder!

  1. Hallo, es hat mir richtig Spaß gemacht, durch die Hymen zu Stöbern, und wiedereinmal viel gelernt.
    Die Slowenen haben doch recht, das hat mir besonders gefallen.
    Liebe Grüsse in den Osten aus der Mitte Österreichs.

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