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Sonka. Und das Lammopfer von Plovdiv.

Es war die Zeit, da wusste der junge Journalist nicht so ganz genau, was Europa ist. Ja, natürlich, da war die Prinzessinnen-Kuh, die sich vom altgriechischen
Göttervater im Stierkostüm ent- und verführen ließ. Und es war eine nicht besonders große Landmasse, der Erdteil, dem wir angeblich „inmitten“ lagen, „einem
starken Herzen gleich“ – grässliches Pathos übrigens, Frau Preradovic! Und wahr
war das auch nicht, wenn man die Geografie ein wenig politisch anlegte. Und natürlich legte, wer auf sich hielt, die Geografie politisch an, Ende der Sechziger-,
Anfang der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Also gab es das Europa der Großen und Starken, die EWG auf dem Weg zur EG, das Europa des Kapitals, wo die Deutschen permanent die große Klappe offen hatten – allein das ein Grund, da nicht dabei sein zu wollen. Und schließlich waren wir neutral,  immerwährend, Punkt.

Dann gab es das Europa für die Armen, die EFTA, ha, schließlich waren wir und die Schweizer und die Dänen und erst recht die Briten auch wer  (Na gut, die letzteren beiden sind bald zur EWG desertiert, aber was hält schon ewig. Und schließlich sind wir ja auch
diesen Weg gegangen). Von „inmitten“ war bei der EFTA allerdings auch nicht
direkt die Rede.

Und dann gab es noch die Ecke, von der wir nicht so genau wussten, ob das wirklich Europa war, historisch schon irgendwie, für Mitteleuropa-Nostalgiker natürlich auch.
Aber hatten sich, ob man das wollte oder nicht, je nach Lesart und
ideologischer Herkunft, „der Ostblock“ oder „die Länder des realen Sozialismus“
nicht schon so weit von uns weg entwickelt, dass der Begriff Europa eine leere
Hülle geworden war?

Die Neugier des jungen Journalisten war groß auf die Länder, in denen alles anders war. Und auf die Menschen dort – die neuen Menschen? Die Betreuerin der kleinen
österreichischen Journalistendelegation im Rumänien Ceausescus war womöglich so
ein Mensch. Wird schon eine Mitarbeiterin der Securitate gewesen sein, klar bei
dem Job, sie sah aber wenigstens nicht danach aus: ganz Dame jenseits der
sechzig, mit Perlenkette, kultiviert, erzogen und gebildet in Wien, Warschau
und Paris – eindeutig eine echte Europäerin, selbst dort! Nur was sie von sich
gab entsprach nicht ganz dem, was wir für europäischen  Standard hielten: Ja, meine Herren, wir hatten im Land ein Problem mit der Geburtenrate, es kamen einfach zu wenig
Kinder auf die Welt. Aber unser großer Staatslenker Nicolae Ceausescu wusste
Rat. Er ließ den Verkauf von Verhütungsmitteln verbieten, und schon war das
Problem gelöst… Rumänien, 1973. Das Problem Ceausescu wurde in der Zwischenzeit
bekanntlich auch gelöst, wenn schon nicht durch eine Revolution, so wenigstens
durch eine Art Prätorianer-Putsch. Aber das hat ja auch römische, also europäische
Wurzeln. Und so ist es nur logisch, dass Rumänien mit seiner auch österreichischen, auch ungarischen Geschichte auch politisch nach Europa gefunden hat. Irgendwie.

Nachbar Bulgarien auch. Dort war schon in den Siebzigerjahren das Rauchen am Steuer eines Kraftfahrzeugs verboten – welch Vorreiterrolle im europäischen Kreuzzug gegen
die Raucher! Ob sich das Land innerhalb der EU allerdings in allen Bereichen
gedeihlich entwickelt? „Beim bulgarischen Erstligisten Lokomotiv Plovdiv scheint der Aberglaube überhandzunehmen. In der Hoffnung auf bessere Leistungen in der zweiten Saisonhälfte wurde am Mittwoch im Heimstadion ein Lamm geopfert. Anschließend beschmierten Spieler die Torstangen mit dem Blut des Tieres, das
zuvor von einem Priester und großen Fan des Klubs rituell geschlachtet worden
war. Lok Plovdiv, ein Verein aus der zweitgrößten Stadt Bulgariens, liegt nach
15 Runden auf Platz fünf, elf Punkte hinter Spitzenreiter Litex Lovech.“
(Quelle: weltfussball.de, Februar 2011).

Auch in Zypern leben Lämmer gefährlich, insbesondere zur Osterzeit, wo die christliche
Metapher vom wahren Osterlamm zehntausendfach duftendes Fleisch wird. Ansonsten
hängen viele männliche Zyprer , da hat sich durch den Beitritt zur
EU nichts geändert, vor allem einer Religion an: der Jagd. Wanderer, kommst Du
nach Polis, zieh den Kopf ein, insbesondere wenn es Sonntagmorgen ist…
Unglaublich, wie die meist camouflierten Herren in die Macchie ballern. Ob sie
dabei viel treffen, darf bezweifelt werden. Außer einander, weshalb sich auch
hier das rote Band um den Hut durchgesetzt hat. Zypern hält vermutlich den
Europarekord an Patronenhülsen pro Quadratmeter.

Auf die zyprische Küche hat das übrigens keine besonderen Auswirkungen: Spitzenklasse
in levantinisch-griechisch-türkischer Tradition mit einem Schuss Venetischem
dazu. Und man findet sie gerade an abgelegenen Orten. Am Rand eines
Naturschutzgebietes im Südosten steht gleich neben einem Luxushotel hoch über
einer Traumbucht ein kleineres Hotel mit einer Taverne, die solide, aber nicht
spektakulär aussieht. Spektakulär sind allerdings die Mezedes, die hier geboten
werden, die mehr als ein Dutzend kleinen Gerichte von Taramas bis Tintenfisch,
von Skordalia bis Lammkotelett, von Halloumi bis Stifado bis zu den
unglaublichsten aller Lukumi, einer Art Fruchtkonfekt aus Traubensaftgelee… Die
Köchin sieht vertrauenswürdig aus, ist um die Fünfzig und kommt – aus
Bulgarien. Sonka hatte irgendwann vor ein paar Jahren genug von ihrem Mann und
ihrem Lehrerinnenjob in Sofia, der ihr 200 Euro im Monat einbrachte. Wie sollte
sie damit das Studium der beiden Kinder finanzieren? In Zypern war auch das
Wetter besser, und so kam sie, kochte und kochte und kochte immer zyprischer
bis auf ihr heutiges Niveau. EuropäerIn des Jahres sollte sie werden!

Was Europa ist, weiß der alt gewordene Journalist noch immer nicht ganz genau. Er hat nur den Verdacht, dass es kein Zufall ist, wenn ihm beim Nachdenken über den
Begriff zuallererst Menschen einfallen. Menschen, die sich merkwürdig
verhalten. Und ganz reale Menschen, die er kennt und schätzt. Und das ist gut
so. Wenn er an sein geliebtes Italien denkt, dann an Armando und Gianni, und
nicht an die Wahlergebnisse des kleptokratischen Lustgreises mit der
Chirurgenmaske. Wenn er an die Schweiz denkt, dann an den umtriebigen Buchhändler und nicht an die populistischen Rattenfänger, die auf der Klaviatur der Vorurteile direkte Demokratie spielen. Wenn an Kärnten, dann an die kluge Diplomatin in Brüssel und den witzigen Verleger in Klagenfurt, und nicht an die Unsäglichkeiten dortiger Landespolitik.
Wenn an Österreich, dann an Ute Bock und Vinzi-Pfarrer Pucher und nicht an die
peinliche Fremdenfeindlichkeit maßgeblicher PolitikerInnen.

Aber vielleicht bedeutet Europa auch das alles zusammen: lämmeropfernde Fußballpfarrer und schießwütige Machojäger und opportunistische Propaganda-AgentInnen, aber auch das European Youth  Orchestra und
„Leipzig liest“ und den Wallner-Heurigen in Obersdorf. Vielleicht ist Europa
einfach die Summe seiner Widersprüche. Ganz wie die Länder dieses Kontinents.
Und der anderen auch.

 

Ernest Hauer,
4.3.2011

(Aus: Norbert Schreiber/ Lojze Wieser (Hg.): Europa weiter erzählen Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2011)

 

 

 

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